„Reisen macht einen bescheiden.
Man erkennt, welch kleinen Platz man in der Welt besetzt.“
– Gustave Flaubert
Am Tag vor Heiligabend landen wir am Nachmittag in Hammamet. Der Flug war angenehm kurz, nichts Turbulentes, nichts Dramatisches — genau so, wie man es sich wünscht, wenn man eigentlich schon im Urlaubsmodus ist. Am Flughafen wartet unser Guide Anuar, der seine Reisegruppe mit der Effizienz eines Flughafenroboters einsammelt. Kaum sitzen alle im Bus, geht’s auch schon los Richtung Hammamet.
Im Hotel angekommen, checken wir ein, verstauen unsere Siebensachen im Schrank und starten direkt zu einem ersten Erkundungsgang. Das Meer ruft — und es wäre ja unhöflich, nicht zu antworten. Also schlendern wir am Strand entlang, lassen uns von der Sonne anstrahlen und tun so, als wären wir schon seit Tagen tiefenentspannt.
Bei einer Tasse Tee gönnen wir uns eine kleine Pause, bevor wir durch den touristischen Stadtteil Yasmine zurückbummeln. Vor dem Abendessen machen wir uns noch etwas frisch, finden ein bisschen Ruhe und freuen uns auf den nächsten Tag. Der wird bestimmt spannend — schließlich hat der Urlaub ja gerade erst angefangen.
Nach dem Frühstück klettern wir in unseren Bus, heute steht Karthago auf dem Programm. Einst Hauptstadt einer mächtigen Handelsnation, ist Karthago heute ein Stadtteil von Tunis, durchzogen von antiken Ruinen, römischen Villen und Thermen, die so tun, als wären sie erst gestern verlassen worden. Karthago war im Altertum eine der bedeutendsten Seemächte des Mittelmeers, gegründet von phönizischen Siedlern und später erbitterter Rivale Roms, bis die Stadt 146 v. Chr. zerstört und später von den Römern neu aufgebaut wurde.
Unser erster Stopp: Tophet, eine punische Kult- und Begräbnisstätte. Klingt düster, ist aber historisch hochspannend. Archäologen fanden hier Urnen mit Ascheresten von Kindern und Tieren – ob es sich um rituelle Opfer oder um eine besondere Form der Bestattung handelte, ist bis heute umstritten.
Sicher ist: Der Ort spielte eine zentrale Rolle im religiösen Leben der Punier.
Danach geht es weiter zum alten Handelshafen. Wir haben Glück – die Sonne lacht, perfekt für uns.
Gemütlich spazieren wir zu und durch die Thermes D´ Antonin, diese waren einst die größten römischen Badeanlagen Afrikas und gehörten zu den größten des gesamten Imperiums – ein sozialer Treffpunkt mit Warm- und Kaltbädern, Sportbereichen und riesigen Gewölbehallen.
Wir besichtigen auch eine römische Villa auf dem Gelände. Besonders staunen wir über die kunstvollen Mosaiken, die erstaunlich gut erhalten sind.
Ein kurzer Halt am Amphitheater darf natürlich nicht fehlen, bevor wir zur Kathedrale hinaufwandern. Oben angekommen bewundern wir sie gebührend – und die Aussicht gleich mit.
Weiter geht’s zur antiken römischen Wasserleitung, oder zumindest zu ihrem Ende. Anuar verspricht uns, dass wir im Laufe der Reise auch den Anfang sehen werden – nur schlappe 132 Kilometer entfernt. Na dann. Das Aquädukt von Zaghouan nach Karthago war eines der längsten der römischen Welt und ein technisches Meisterwerk, das die Stadt mit frischem Quellwasser aus dem Atlasgebirge versorgte.
Anschließend besuchen wir das Palais du Baron d’Erlanger und genießen den Blick über den Golf von Tunis. Das Palais wurde Anfang des 20. Jahrhunderts vom deutsch-französischen Baron Rodolphe d’Erlanger erbaut, einem Musikforscher, der die arabische Musik dokumentierte und das Haus zu einem Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle machte.
Danach tauchen wir ein in das Künstlerdorf Sidi Bou Said: weiße Häuser, blaue Türen und Fensterläden, enge Gassen – ein Postkartenmotiv nach dem anderen. Die blau-weiße Farbgebung ist übrigens kein Zufall: Sie wurde 1915 unter Denkmalschutz gestellt und soll das Licht des Mittelmeers besonders schön reflektieren. Viele Künstler – darunter Paul Klee und August Macke – ließen sich hier inspirieren.
Wir schlendern vorbei am berühmten „Café des Nattes“, das August Macke 1914 verewigt hat, und werfen neugierige Blicke in ein traditionelles tunesisches Wohnhaus.
Eine rundum gelungene Tour liegt hinter uns. Müde, aber zufrieden fahren wir zurück ins Hotel und freuen uns auf ein festliches Abendessen.
Gleich morgens machen wir uns auf den Weg nach Dougga. Dort wartet eine riesige, prachtvolle Ruinenstadt auf uns, die nicht umsonst zum UNESCO‑Weltkulturerbe gehört. Sobald wir die Autobahn hinter uns gelassen haben, rollen wir durch die Ausläufer des Atlasgebirges, vorbei an endlosen Olivenhainen, die aussehen, als würden sie bis nach Spanien reichen.
In Dougga erwartet uns ein grandioser Anblick. Die Ruinenstadt ist erstaunlich gut erhalten – sie war einst eine bedeutende Stadt des numidischen Königreichs, bevor die Römer sie übernahmen und weiter ausbauten. Weil es vor ein paar Tagen geregnet hat, sind die Wege mit unzähligen orangefarbenen Blüten gesäumt — fast wie ein natürlicher Teppich, den jemand extra für uns ausgerollt hat.
Wir steigen bis ganz nach oben und genießen den Blick über das gesamte Gelände.
Der Saturntempel ist ein weiteres Highlight, das wir gründlich erkunden. Er stammt aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. und gehört zu den am besten erhaltenen römischen Tempeln Nordafrikas. In manchen Häusern liegen noch originale Bodenmosaiken — also lohnt sich hier nicht nur der Blick in die Ferne, sondern auch der nach unten.
Wir schlendern durch die Thermen und testen die römischen Latrinen. Die sind im Halbkreis angeordnet, und tatsächlich finden wir alle elf bequem Platz. Solche Latrinen waren übrigens keine stillen Örtchen, sondern eher eine Art antiker Treffpunkt, an dem man Neuigkeiten austauschte — römischer Smalltalk sozusagen.
Zum Abschluss schauen wir uns noch das Mausoleum genauer an, eines der wenigen vollständig erhaltenen punisch‑numidischen Grabmonumente. Es zeigt eindrucksvoll, wie sich in dieser Region punische, numidische und römische Einflüsse mischten.
Bevor wir bergauf zu unserem Treffpunkt zurücklaufen, gönnen wir uns einen frisch gepressten Orangensaft — verdient ist verdient — und machen uns anschließend auf den Weg nach Testour.
Unterwegs entdecken wir eine Frau, die am Straßenrand in einem selbstgemauerten Ofen Fladenbrot backt. Natürlich halten wir an. Das Brot duftet verführerisch und schmeckt nach mehr.
In Testour angekommen, erfahren wir, dass das Dörfchen im 16. Jahrhundert von andalusischen Flüchtlingen gegründet wurde. Viele architektonische Details erinnern noch heute an ihre Herkunft: geschwungene Balkone, Keramikverzierungen und die berühmte Uhr der Moschee, deren Zeiger rückwärts laufen — ein Symbol für die verlorene Heimat. Wir bummeln über den Markt, durch die Altstadt und bis zur großen Moschee, die Symbole aller drei großen Weltreligionen vereint — ein beeindruckendes Zeichen des damaligen friedlichen Zusammenlebens.
Nach einer gemeinsamen Teepause treten wir schließlich die Rückfahrt nach Hammamet an — müde, zufrieden und voller Eindrücke.
Heute nehmen wir uns die Hauptstadt vor – Tunis, wir kommen!
Unser erster Stopp ist das Bardo‑Museum, eines der bedeutendsten Museen Nordafrikas. Dort tauchen wir tief ein in römische und frühchristliche Kunst. Besonders die kunstvollen Mosaiken haben es uns angetan – so gut erhalten, dass man fast glaubt, der Künstler sei nur kurz Mittag essen gegangen. Das Museum ist berühmt für seine außergewöhnlich große Sammlung römischer Bodenmosaiken, die aus Villen und Thermen in ganz Tunesien stammen und einen faszinierenden Einblick in das Alltagsleben der Antike geben.
Nach so viel Kultur zieht es uns in die Medina, die ebenfalls zum Weltkulturerbe gehört. Vom Place de Gouvernement aus schlendern wir in die Altstadt hinein, durch verwinkelte Gassen, die uns direkt auf die El‑Zitouna‑Moschee zuführen.
Sie ist das älteste Gebäude der Stadt und eines der wichtigsten – und wir bewundern sie ausgiebig. Die Moschee wurde bereits im 8. Jahrhundert gegründet und war über Jahrhunderte ein bedeutendes religiöses und wissenschaftliches Zentrum, an dem Gelehrte aus der gesamten islamischen Welt studierten.
Je tiefer wir in die Medina eintauchen, desto enger und lebendiger werden die Gassen. Geschäft reiht sich an Geschäft: rund um die Moschee fast ausschließlich Schmuckläden, in denen es blinkt und glitzert, als hätte jemand die Sonne vervielfacht. Danach folgen Kleider, Haushaltskram, Gewürze und schließlich Lebensmittel. Von einer Seite bekommen wir ein Stück köstliches Baklava zugesteckt, von der anderen frisch gebackenes Fladenbrot. Widerstand ist zwecklos.
Ganz langsam arbeiten wir uns zu unserem Treffpunkt vor. Mittlerweile sind wir ziemlich müde – kein Wunder, die Medina ist ein Abenteuer für alle Sinne. Und eine längere Rückfahrt nach Hammamet liegt auch noch vor uns.
Heute heißt es Abschied nehmen von Hammamet. Also wuchten wir unser Gepäck in den Bus und machen uns auf den Weg Richtung Sousse.
Unser erster Halt ist Zaghouan. Dort besuchen wir den römischen Wassertempel Le Elliptique und – wie versprochen –sehen wir den den Anfang des 132 Kilometer langen Aquädukts, das einst Karthago mit Wasser versorgte. Das Ende hatten wir ja schon gesehen, jetzt kennen wir also beide Seiten der Leitung.
Natürlich genießen wir auch einen Bummel durch die hübsche Altstadt, die für ihre engen, mitunter treppenreichen Gassen, weiß-blau gestrichenen Häuser bekannt ist. Sie bietet einen Einblick in das ursprüngliche Leben der Menschen.
Weiter geht’s nach Sousse, wo wir natürlich wieder durch die Medina bummeln.
Diese Souks machen einfach Spaß – man weiß nie, ob man als Nächstes an Gewürzen, Teppichen oder einer Kollektion bunter Pantoffeln vorbeikommt.
Unterwegs werfen wir einen Blick auf die große Moschee und schauen uns die Kasbah genauer an.
Die Kasbah ist eine Festungsanlage aus dem 9. Jahrhundert, die früher Teil des Verteidigungssystems war. Von hier aus hatten die Wachsoldaten einen perfekten Blick über die Stadt und das Meer. Heute kann man durch die massiven Mauern spazieren und sich gut vorstellen, wie wichtig dieser Ort einmal war.
Nach einer wohlverdienten Kaffeepause fahren wir weiter nach Monastir. Dort besuchen wir das Mausoleum von Habib Bourguiba, dem Vater der tunesischen Unabhängigkeit. Ein beeindruckender Ort.
Der krönende Abschluss des Tages ist der Besuch der islamischen Festung Ribat.
Der Ribat von Monastir ist eine der ältesten und bedeutendsten Wehrkloster‑Anlagen Nordafrikas. Früher diente er Mönchs‑Soldaten als Verteidigungsstützpunkt und zugleich als spiritueller Rückzugsort. Heute kann man über die dicken Mauern und Türme klettern und bekommt eine Ahnung davon, wie strategisch wichtig dieser Ort einmal war.
Von hier oben genießen wir einen herrlichen Blick über die Stadt und den Hafen – ein echtes Postkartenmotiv.
So viel Input reicht für einen Tag, beschließen wir. Also fahren wir zurück nach Sousse, wo wir die Nacht verbringen. Morgen früh wollen wir weiter nach Zarzis.
Nach dem Frühstück packen wir unsere Siebensachen in den Bus und starten Richtung El‑Djem. Dort wollen wir uns das berühmte römische Amphitheater ansehen.
Wir rollen durch endlos erscheinende Olivenhaine – die Bäume stehen so akkurat in Reih und Glied, als hätte jemand mit dem Lineal gepflanzt. Zwischendrin blitzen Mandelbäume hervor. Im Frühjahr muss das ein einziges Blütenmeer sein.
Schließlich erreichen wir das Amphitheater von El‑Djem.
Es ist riesig: 150 Meter lang, 120 Meter breit und 36 Meter hoch – und damit eines der größten Amphitheater der römischen Welt, fast so groß wie das Kolosseum in Rom. Es bot einst Platz für rund 30.000 Zuschauer und war Schauplatz von Gladiatorenkämpfen, Tierhetzen und anderen Spektakeln.
Viele Szenen des Films „Gladiator“ wurden tatsächlich hier gedreht, und man fühlt sich fast, als würde gleich ein römischer Trommelwirbel einsetzen.
Beim Verlassen der Arena stolpern wir zufällig in eine kleine Parade mit Kapelle und großen Fantasiefiguren. Einheimische, Touristen und vor allem viele Kinder amüsieren sich köstlich über die Späße einer riesigen King‑Kong‑Figur. Ein unerwartetes, aber sehr unterhaltsames Extra‑Programm.
Weiter geht’s nach Mahres, wo ein leckeres Mittagessen auf uns wartet – in einem Lokal direkt am Meer. Kaum haben wir uns entspannt zurückgelehnt, mahnt Anuar freundlich, aber bestimmt: „Wir müssen los, wir haben noch einen weiten Weg.“
Allerdings nötigen wir unserem Fahrer noch einen kurzen Fotostopp ab, als wir eine Gruppe Flamingos am Strand entdecken. So viel Zeit muss sein.
Trotz allem schaffen wir es pünktlich zum Abendessen in Zarzis, unserem heutigen Etappenziel. Ein langer, aber wunderschöner Tag liegt hinter uns.
Karthagos Erbe, Kairouans Stille und das Licht der Sahara.
Ein Land, das mehr ist als nur ein Ziel:
Es ist eine Entdeckung.
Über den Römerdamm geht es heute auf die Insel Djerba.
Der Damm stammt tatsächlich aus der Römerzeit, ist rund 7 Kilometer lang und knapp 10 Meter breit. Er verbindet die Insel mit dem Festland und wirkt ein bisschen so, als hätte man einfach einen schnurgeraden Strich ins Meer gezogen.
Gleich am Anfang fällt uns eine hübsche kleine Moschee ins Auge: Sidi Yati.
Sie stammt aus dem 10. Jahrhundert, liegt malerisch direkt am Meer und besitzt teilweise unterirdische Räume, die im Sommer angenehm kühl bleiben. Außerdem diente sie als Kulisse für die berühmte Star‑Wars-Reihe – ein kleines Highlight für Filmfans.
Bis zum Töpferdorf Guellala ist es nur ein Katzensprung.
Guellala ist für seine jahrhundertealte Töpfertradition bekannt, denn hier gibt es besonders guten Ton aus tiefen Erdschichten. Wir schauen einem Töpfer bei der Arbeit zu und bewundern die unzähligen kunstvollen Gefäße, die sich in den Regalen stapeln.
Nächster Halt: die Synagoge La Ghriba.
Sie ist die älteste Synagoge Nordafrikas und ein bedeutender Wallfahrtsort. Auf Djerba lebt bis heute eine jüdische Gemeinde mit mehreren hundert Menschen – eine der wenigen in der arabischen Welt. Leider war die Synagoge mehrfach Ziel von Anschlägen, weshalb die Sicherheitskontrollen streng sind. Heute aber läuft alles ruhig, und wir können das prachtvolle Innere in aller Ruhe besichtigen.
Anschließend bummeln wir durch die Straßen und bestaunen die farbenfrohen Wandmalereien, die internationale Künstler beim Festival „Djerba Hood“ geschaffen haben. Ganze Hauswände sind hier zu Kunstwerken geworden – ein riesiges Freiluftmuseum.
Weiter geht’s Richtung Houmt Souk, doch unterwegs stoppen wir noch bei einer traditionellen Olivenpresse.
Die Anlage wirkt für uns ungewohnt, aber der Duft von frischem Öl ist herrlich. Natürlich kaufen wir ein paar Fläschchen – Souvenirs, die garantiert nicht im Regal verstauben.
In Houmt Souk setzen wir unseren Einkaufsbummel fort, streifen durch den Hafen, bevor wir uns wieder auf den Rückweg machen. Einmal aber halten wir noch:
Wir besuchen die Festung Bordj El Kebir, eine mächtige Anlage aus dem 15. Jahrhundert, die einst die Hafeneinfahrt bewachte. Von dort genießen wir einen wunderbaren Blick hinüber zur Flamingoinsel – ein perfekter Abschluss für unseren Tag auf Djerba.
Unser heutiges Tagesziel ist Douz, aber bis wir dort ankommen, liegt ein langer, abwechslungsreicher Tag vor uns. Wir starten in aller Frühe, denn es gibt viel zu entdecken. Die Straße führt uns durch eine Geröll‑ und Steinwüste, stellenweise zerklüftet und schroff, aber gleichzeitig faszinierend schön. Eine Landschaft, die man nicht alle Tage sieht.
Unser erster Halt ist die Speicherburg Ksar Ouled Soltane im Dahar‑Gebirge.
Diese beeindruckende Anlage besteht aus mehreren Etagen sogenannter Ghorfas – gewölbten Speicherkammern, in denen die Berber früher Getreide und Vorräte lagerten. Die Architektur ist so außergewöhnlich, dass sie in den Star‑Wars-Filmen als Kulisse diente. Ksar Ouled Soltane wurde in Episode I – Die dunkle Bedrohung als Teil der Sklavenunterkünfte von Anakin Skywalker auf dem Planeten Tatooine genutzt.
Von hier oben haben wir außerdem einen großartigen Blick über die eigenwillige, fast außerirdisch wirkende Landschaft.
Weiter geht’s nach Chenini, einem Berberdorf, in dem viele Menschen bis heute in Höhlenwohnungen leben.
Diese in den Fels gegrabenen Räume bieten das ganze Jahr über angenehme 19 Grad – egal ob draußen 50 Grad herrschen oder es im Winter friert. Wir steigen den schmalen Pfad hinauf, bleiben immer wieder stehen und staunen. Der Ausblick von oben ist grandios, und beim Abstieg nehmen wir uns viel Zeit, um das alte Dorf in Ruhe zu erkunden.
Langsam meldet sich der Hunger. Wir streifen das Berberdorf Toujane und halten kurz an für einen Fotostop.
Das Mittagessen genießen wir bei einer Berberfamilie, die uns in ihrer 800 Jahre alten, immer wieder renovierten und heute als Restaurant genutzten Höhlenwohnung bewirtet. Ein besonderes Erlebnis – und sehr lecker.
Gestärkt treten wir die Weiterfahrt an und wünschen uns noch einen letzten Stopp im Bergdorf Tamazret. Unser Bus keucht tapfer die steile, kurvige Straße hinauf, damit wir das Panorama genießen können. Die Aussicht lohnt jede Kurve.
Nun noch etwa eine Stunde Fahrt, und wir erreichen Douz, das Tor zur Sahara, wo wir die Nacht verbringen. Ein langer, eindrucksvoller Tag liegt hinter uns.
Heute früh steht als Erstes die Überquerung des Salzsees Chott El‑Djerid auf dem Programm.
Glücklicherweise hat es in den letzten Tagen geregnet, sodass sich etwas Wasser in der riesigen Senke gesammelt hat. Der Chott El‑Djerid ist der größte Salzsee Nordafrikas und kann im Sommer komplett austrocknen. Karl May hat ihm in „Durch die Wüste“ ein literarisches Denkmal gesetzt – und tatsächlich wirkt die Landschaft wie aus einem Abenteuerroman: endlos, hell, flirrend...
Weiter geht unsere Fahrt zur Oase Tozeur, einer der größten und bekanntesten Oasen Tunesiens.
Hier wachsen über 400.000 Dattelpalmen, und die Region ist berühmt für ihre besonders hochwertigen Deglet‑Nour‑Datteln. Wir bummeln durch die hübsche Altstadt und den Souk.
Typisch für Tozeur ist der Backstein‑Baustil: Die Häuser bestehen aus gelblichen Ziegeln, die in kunstvollen Mustern angeordnet sind. Dadurch wirkt die Altstadt fast wie ein riesiges Mosaik.
Zwischendurch beschließen wir, kurz zum Hotel zu fahren und einzuchecken. Heute ist Silvester, und es wird sicher voll und unübersichtlich – da ist ein früher Check‑in eine gute Idee.
Für den Nachmittag steht eine längere Jeepfahrt auf dem Programm: ab durch die Wüste und hinein ins Gebirge.
Wir fahren durch die herrliche Bergwelt des Atlasgebirges auf schmalen, sandigen Wegen zur Bergoase Chebika.
Chebika war einst ein römischer Außenposten und später ein Berberdorf. Heute ist es eine der schönsten Oasen Tunesiens. Wir spazieren durch die Palmengärten, wandern über steinige Pfade bis zu einer Quelle – und entdecken sogar einen kleinen Wasserfall. Einige Szenen aus Indiana Jones wurden hier gedreht, was der Landschaft einen zusätzlichen Hauch Abenteuer verleiht.
Ein kleines Stück weiter wartet die nächste Filmlocation:
Ende der 90er Jahre wurde hier ein weiterer Star‑Wars‑Film gedreht. Begeistert erkunden wir also „Mos Espa“, fotografieren wie wild und fühlen uns mitten hineinversetzt in den „Krieg der Sterne“. Diese Sets wurden 1997–1998 für die Dreharbeiten für Anakins Heimatstadt auf Tatooine gebaut und sind bis heute weitgehend erhalten. Sie gehören zu den bekanntesten Star‑Wars‑Locations in Tunesien.
Ein wunderschöner Sonnenuntergang rundet unseren Tag ab.
Nun aber schnell zurück zum Hotel – ein festliches Silvesterdinner wartet auf uns, und wir sind gespannt, was der Abend noch bringt.
Der Muezzin ruft, die Händler feilschen – und wir?
Wir feilschen mit uns selbst um die Frage, ob wir schon bereit sind für ein neues Jahr.
Nach einem leckeren Galadinner und vielen Neujahrswünschen hatten wir eine erwartungsgemäß kurze Nacht. Trotzdem brechen wir früh auf. Unser Weg führt durch eine weite Steppenlandschaft zur heiligen Stadt Kairouan, der viertwichtigsten Stadt des Islam und UNESCO‑Weltkulturerbe. Schon die Anfahrt wirkt beeindruckend – man spürt sofort, dass dieser Ort eine besondere Bedeutung hat.
Im Stadtzentrum parken wir unseren Bus, und unser erstes Ziel ist das Mausoleum Sidi Sahbi.
Sidi Sahbi war ein Gefährte des Propheten Mohammed und wird auch „der Barbier des Propheten“ genannt, weil er angeblich eine Haarlocke des Propheten aufbewahrte. Das Mausoleum ist ein wichtiger Pilgerort und beeindruckt mit seinen kunstvollen Fayence‑Kacheln, ruhigen Innenhöfen und einer Atmosphäre, die gleichzeitig feierlich und friedlich wirkt.
Wir spazieren weiter zur Großen Moschee von Kairouan, eine der ältesten und bedeutendsten Moscheen der islamischen Welt.
Sie wurde bereits im 7. Jahrhundert gegründet und gilt als architektonisches Meisterwerk. Besonders der riesige Innenhof und das massive Minarett beeindrucken uns. Einen besonders schönen Blick haben wir vom Dach eines nahegelegenen Restaurants – von hier oben lassen sich ein paar wunderbare Schnappschüsse machen.
Nach einer kurzen Pause machen wir auch hier die Medina unsicher.
Sie gilt als Zentrum des tunesischen Kunsthandwerks: Teppiche, Keramik, Lederwaren, Gewürze – alles, was das Herz begehrt. Die Gassen gefallen uns ausnehmend gut, und wir lassen uns treiben.
Nun sind wir doch recht müde und klettern wieder in unseren Bus. Eine lange Fahrt liegt noch vor uns, bis wir Hammamet erreichen.
Nun ist er schon gekommen, unser letzter Tag.
Nach dem Frühstück fahren wir in die Stadtmitte von Hammamet – wir wollen es uns nicht nehmen lassen, auch hier die Medina zu erkunden. Der Bummel durch die hübschen, weiß‑blauen Gassen führt uns bis ans Meer und macht uns richtig Spaß. Ein schöner, entspannter Start in den Tag.
Und wieder steigen wir in unseren Bus, der uns durch Weinberge, fruchtbare Felder und Olivenhaine zum Hafenstädtchen Kelibia bringt.
Hier thront eine byzantinische Zitadelle aus dem 6. Jahrhundert über der Stadt. Sie diente einst als militärischer Stützpunkt und Wachposten über die Küste. Von oben haben wir einen großartigen Blick über Stadt, Hafen und das tiefblaue Meer – ein Panorama, das man so schnell nicht vergisst.
Den Hafen wollen wir uns aber noch genauer anschauen. Entspannt blicken wir den Handwerkern über die Schulter, während sie an Booten und Schiffen arbeiten. Daheim wäre das kaum möglich, denken wir. Hier aber lächelt man uns freundlich zu und lässt uns gewähren.
Schon sind wir wieder unterwegs, die Fahrt führt vorbei an alten römischen Steinbrüchen. Von hier wurden einst die Steine für den Bau von Karthago geholt, erzählt uns Anuar. Ein Stück Geschichte am Straßenrand.
Unser nächstes Ziel ist das Ausgrabungsgelände von Kerkouane, ebenfalls UNESCO‑Weltkulturerbe.
Die punische Stadt ist einzigartig, weil sie nie von den Römern überbaut wurde – ein seltener Glücksfall der Archäologie. Die Anlage ist weitläufig, die Grundrisse der Häuser gut erkennbar, und wir haben reichlich Futter für unsere Kameras.
Unbedingt anschauen wollen wir uns noch die Kalksteinhöhlen von El Haouaria am Cap Bon.
Wir genießen einen Spaziergang entlang der zerklüfteten Küste mit ihren Höhlen und Grotten. Die Grotten selbst dürfen wegen Einsturzgefahr nicht mehr betreten werden, aber schon der Blick von außen ist beeindruckend – wild, rau und wunderschön.
Zum Abschluss des Tages – und auch unserer Tage in Tunesien – besuchen wir noch ein Weingut, natürlich mit entsprechender Probe. Wir machen uns ein Bild von der Vielfalt tunesischer Weine und stoßen innerlich schon ein wenig auf diese wunderbare Reise an.
Leider ist unsere Zeit in Tunesien schon wieder vorbei.
Wir werden abgeholt und zum Flughafen nach Tunis gefahren. Ein bisschen wehmütig sind wir schon – schließlich haben wir in den letzten Tagen so viel gesehen, erlebt und gelernt.
Voller neuer, manchmal auch unerwarteter Eindrücke treten wir den Heimflug an.
Die Farben, die Landschaften, die Menschen, die Gerüche der Souks, die Stille der Wüste, die Geschichten aus längst vergangenen Zeiten – all das nehmen wir mit nach Hause. Und während das Flugzeug abhebt, wissen wir: Diese Reise wird uns noch lange begleiten.
Als die Sonne hinter dem Horizont verschwand, wussten wir:
Manche Abenteuer passen nicht ins Fotoalbum –
aber wunderbar ins Herz.